Pompejus erstürmt Jerusalem.


Im Zorne darüber behielt Pompejus den Aristobulus in Haft und zog vollends an die Stadt heran. Hier hielt er nun zunächst Umschau, auf welchem Punkte er stürmen sollte, da er sofort die Wahrnehmung machen musste, dass mit den festen Mauern schwer etwas anzufangen, die Schlucht vor ihnen geradezu entsetzenerregend und auch das Heiligtum jenseits des Thales auf das stärkste ummauert war, so dass es selbst nach dem Falle der Stadt noch für die Feinde eine zweite Zufluchtsstätte abgeben konnte.


Während er nun lange Zeit ratlos hin und her dachte, riss unter den Juden in der Stadt eine Spaltung ein, indem die Freunde des Aristobulus den Kampf gegen die Römer und die Befreiung des Königs forderten, die Anhänger des Hyrkan aber dem Pompejus die Tore öffnen wollten. Die Zahl der letzteren wurde besonders durch die Furcht verstärkt, welche der Anblick der strammen militärischen Ordnung auf Seite der Römer unter den Juden hervorrief.

Die Partei des Aristobulus unterlag und zog sich aus den Tempel zurück. Die von demselben nach der Stadt führende Brücke riss man ein und machte sich zum verzweifeltsten Widerstande bereit. Da die anderen Juden sich erbötig machten, die Römer in die Stadt hineinzulassen und ihnen den königlichen Palast zu übergeben, so befahl Pompejus einem seiner Unterfeldherrn, namens Piso, mit einer Truppenabteilung zur Besetzung dieser Örtlichkeit in die Stadt einzurücken.

Piso versicherte sich zuerst der wichtigsten Punkte der Stadt und traf dann, weil er auch nicht einen von denen, die sich in den Tempel geflüchtet hatten, zu einem friedlichen Vergleiche bewegen konnte, auf allen Punkten in der Runde seine Vorbereitungen zur Belagerung, wobei ihm die Parteigänger des Hyrkan jede geistige und physische Unterstützung zuteil werden ließen.


Pompejus selbst unternahm es, mit dem vom Heere zusammengebrachten Materiale den Graben und die ganze Schlucht auf der Nordseite des Tempels aufzuschütten. Die Ausfüllung gestaltete sich aber wegen der unermesslichen Tiefe und wegen des Widerstandes der Juden, die von den Zinnen herab das Werk auf jede Weise zu stören suchten, sehr schwierig,

so dass wohl die ganze Mühe der Römer erfolglos geblieben wäre, wenn nicht Pompejus die Sabbatstage, an denen die Juden aus religiöser Gewohnheit an keine Arbeit Hand anlegen, abgepasst und an diesen Tagen den Damm gebaut hätte. Zu gleicher Zeit hielt er an diesen Tagen die Soldaten vom Handgemenge mit den Juden zurück, weil die Juden für Leib und Leben, aber nur für dieses, auch am Sabbat kämpfen dürfen.

Endlich war die Schlucht ausgefüllt, und nun befahl er, hohe Türme auf dem Damme aufzustellen, wie auch die aus Tyrus herbeigeschafften Belagerungsmaschinen an die Mauer zu rücken, um sie gegen dieselbe spielen zu lassen, während die Steinschleudergeschütze diejenigen verscheuchen mussten, welche von oben herab die Wirkung der Maschinen hindern wollten. Die auf dieser Seite befindlichen Festungstürme widerstanden jedoch sehr lange, weil sie von hervorragender Größe und Schönheit waren.


Hier hatte nun Pompejus unter den vielfachen und argen Mühen, die seine Römer auszustehen hatten, Gelegenheit, die Juden wegen ihrer sonstigen Ausdauer, ganz besonders aber darum aufs höchste zu bewundern, weil sie, von einem Hagel von Geschossen eingehüllt, auch nicht die kleinste Ceremonie ihres Gottesdienstes unterließen. Denn gerade so, als wenn noch tiefer Friede die Stadt umfangen hielte, wurden die täglichen Opfer und die Opfer für die Reinigung und alle anderen Acte der Verehrung Gott dem Herrn mit aller Genauigkeit und Vollständigkeit entrichtet. Standen sie ja doch nicht einmal während der Erstürmung selbst, als das Mordgewühl schon um den Brandopferaltar tobte, von den gesetzlichen täglichen Verrichtungen des Opferdienstes ab!

Im dritten Monate der Belagerung drangen nämlich die Römer, nachdem sie mit harter Mühe einen der Türme niedergeworfen hatten, in das Heiligtum ein. Der erste, der es wagte, die Mauer zu ersteigen, war ein Sohn des Sulla, Faustus Cornelius, ihm nach stürmten zwei Centurionen, Furius und Fabius, gefolgt von ihren Abteilungen, welche die Juden von allen Seiten fassten und zum Teile schon auf ihrer hellen Flucht in den Tempel begriffen, zum Teil nach einem nur kurzen Widerstande auf der Stelle niederhieben.


In diesem Augenblick war es nun, wo viele Priester, als sie schon die feindlichen Soldaten mit blanken Schwertern auf sich losstürmen sahen, ganz kaltblütig bei ihrem heiligen Dienste aushielten: gerade beim Ausgießen des Trankopfers und bei der Darbringung des Räucherwerkes wurden sie selbst hingeopfert, so dass sie in Wahrheit dem Dienste der Gottheit ihr eigenes Leben nachsetzten! Die meisten Menschen wurden übrigens damals durch die jüdische Gegenpartei getödtet, und zahllose Juden stürzten sich selbst von den steilen Abhängen hinunter. Einige steckten in wahnsinniger Verzweiflung die um die Tempelmauer sich hinziehenden Gebäude in Brand und starben den Flammentod.

So fielen auf Seite der Juden 12.000 Menschen, bei den Römern dagegen gab es nur sehr wenige Tote, wohl aber eine größere Anzahl von Verwundeten.


Kein Schlag aber traf damals unter all’ dem Jammer das jüdische Volk so schwer, wie die Enthüllung des bis dahin verborgen gehaltenen Heiligtums durch die Hand eines fremden Volkes. Pompejus durchschritt nämlich mit seinem Stabe das Tempelhaus und kam selbst dorthin, wo nur dem Hohenpriester der Eintritt gestattet war, wobei er sich alle Gegenstände darinnen, den Leuchterstock mit den Lampen darauf, den Tisch mit den Schalen für das Trankopfer und den Gefäßen für den Weihrauch, alles von massivem Golde, eine Masse aufgehäuften Würzwerkes und den heiligen Schatz im Wette von 2.000 Talenten besah.

Er rührte aber weder von diesem Gelde noch von den sonstigen Wertgegenständen etwas an, ja er befahl im Gegenteil gleich am folgenden Tage nach der Eroberung den Tempeldienern, das Heiligtum zu reinigen, ließ auch die herkömmlichen Opfer darbringen und setzte den Hyrkan wieder in seine hohepriesterliche Würde ein, weil er sich nicht bloß bei der Belagerung sehr dienstfertig erwiesen, sondern auch das Volk aus dem Lande, das schon mit Aristobulus gemeinschaftliche Sache im Kampfe machen wollte, von diesem abwendig gemacht hatte. Infolge dieses Benehmens zog er das Volk mehr durch Liebe als durch Furcht auf seine Seite, was man übrigens auch von einem trefflichen General erwarten konnte.

Unter anderen Personen, die in Gefangenschaft gerieten, war auch der Schwiegervater des Aristobulus, der zugleich sein Oheim war, aufgegriffen worden. Jene, welche die Hauptschuld am Ausbruch des Krieges trugen, ließ nun Pompejus mit dem Beile enthaupten, während er den Faustus und seine wackeren Kampfgenossen mit herrlichen Siegespreisen beschenkte. Dem Lande, wie der Stadt Jerusalem schrieb er eine Steuer vor.


Pompejus entzog auch der jüdischen Nation jene Städte wieder, welche sie in Cölesyrien erobert hatte, und stellte sie unter die Aussicht des für dieses Gebiet eigens bestimmten Generals, indes er die Juden auf ihre ursprünglichen Grenzen verwies. So baute er auch das von den Juden zerstörte Gadara auf die Fürsprache eines seiner Freigelassenen, namens Demetrius, der von Gadara stammte, wieder auf und machte von den Juden die folgenden im Innern des Landes gelegenen Städte, soweit sie nicht schon früher von ihnen dem Erdboden gleich gemacht worden waren, unabhängig: Hippus, Scythopolis, Pella, Samaria und Marissa, außerdem noch Azotus, Jamnia und Arethusa, wie auch die Küstenstädte Gaza, Joppe, Dora und das ehemals Stratonsturm genannte, später aber von dem König Herodes durch die herrlichsten Bauten fast neugeschaffene und neubenannte Cäsarea.

Alle diese Städte gab er den eingesessenen Bürgern zurück und stellte sie unter die Oberherrschaft der syrischen Provinz, deren Verwaltung er nebst Judäa und den Länderstrecken bis Ägypten hinab und bis zum Euphrat hinauf unter dem Schutze von zwei Legionen dem Scaurus anvertraute. Darauf eilte er selbst über Cilizien nach Rom, gefolgt von dem gefangenen Aristobulus und seinen Kindern.

Letzterer hatte nämlich zwei Töchter und zwei Söhne, von denen der eine, Alexander, auf dem Wege entspringen konnte, der jüngere, Antigonus, aber mit den Schwestern nach Rom geführt ward.