Stellung und Zahl der Verteidiger. Verwundung des Nikanor. Bau der ersten Belagerungsdämme im Nordwesten. Heftiger Ausfall der Belagerten. Der erste Jude gekreuzigt. Tod des Idumäerführers Johannes.


In der Stadt beliefen sich jetzt die Streitkräfte des Rebellenhaufen unter Simon, die Idumäer nicht gerechnet, auf 10.000 Mann. Sie wurden von fünfzig Unterbefehlshabern geführt, an deren Spitze als unumschränkter Herr genannter Simon stand.

Seine Bundesgenossen, die Idumäer, zählten 5.000 Mann, unter zehn Anführern, von denen Jacobus, der Sohn des Sosa, und Simon, der Sohn des Kathla, das meiste Ansehen hatten.

Johannes aber, der sich in den Besitz des Tempels gesetzt hatte, hatte schon früher 6000 Bewaffnete unter zwanzig Führern zur Verfügung, wozu jetzt auch noch die Zeloten in der Zahl von 2.400 kamen, nachdem sie ihre Parteiung aufgegeben hatten. Letztere hatten ihre alten Häupter, nämlich Eleazar und Simon, den Sohn des Ari, behalten.

Die eigentliche Bürgerschaft bildete, wie schon gesagt, den Kampfpreis ihres blutigen Wettstreites, und wurde alles Volk, soweit es ihre Ungerechtigkeit nicht mitmachen wollte, von beiden Parteien gebrandschatzt.

Simon hielt die Oberstadt und die große Mauer bis hinüber zum Kedronbach besetzt. Von der alten Mauer besaß er noch das Stück, das von Siloah an sich auf die Ostseite drehte und bis zum Palaste des Monobazus, des bekannten Königs von Adiabene drüber dem Euphrat, sich hinabsenkte. Auch die Quelle selbst, sowie die Akra, d. h. die Unterstadt, mit dem ganzen Stadtgebiete, das sich bis zum Königspalaste der Helena, der Mutter des Monobazus, erstreckte, war noch in seiner Gewalt.

Johannes dagegen beherrschte den Tempel und den Bezirk ringsum auf eine nicht unbedeutende Entfernung, den Ophel und die sogenannte Kedronschlucht. Was noch zwischen diesen ihren Stellungen lag, das hatten sie alles niedergebrannt, um sich für ihre gegenseitigen Kämpfe ein förmliches Schlachtfeld offen zu halten, da der Parteikampf selbst dann noch nicht zum Stillstande kam, als die Römer schon vor den Mauern lagerten. Nachdem sie sich bei den ersten Ausfällen etwas ernüchtert gezeigt, kam bald die alte Tollheit wieder zum Ausbruche; in zwei Lager getrennt, gerieten sie sich abermals in die Haare und besorgten die Geschäfte der Belagerer zu deren vollsten Zufriedenheit.

Denn weder konnten sie selbst von den Römern noch schlimmeres erdulden, als das war, was sie sich gegenseitig antaten, noch konnte auf ihre Gewaltherrschaft hinauf die Stadt mehr ein Leid erfahren, das sie nicht unter ihnen schon gekostet hätte; ja noch mehr, die Stadt war sogar unglücklicher vor ihrem Fall, und die sie erstürmt haben, haben damit einen noch schöneren Sieg errungen, als der war, den die einfache Eroberung ihrer Mauern bedeutete; ich will sagen, dass der Parteikampf die Stadt, die Römer aber auch den Parteikampf, der viel trotziger war, als die stolzen Mauern, niedergeworfen haben, und mit gutem Grunde könnte man das düstere Verhängnis der Stadt lediglich bei ihren eigenen Kindern, auf Seite der Römer aber nur die Gerechtigkeit suchen. Doch möge sich nur jeder selbst an die Logik der Tatsachen halten.


Während sich aber in der Stadt die geschilderten Zustände so weiter entwickelten, war draußen Titus bereits daran, in Begleitung einer ausgesuchten Reiterschar die Mauern zu umreiten, um eine schwache Stelle für den Angriff zu entdecken.

Nachdem er überall vergebens nach einem solchen Punkte ausgespäht hatte, da nach den von Tälern geschützten Seiten hin die Mauer überhaupt nicht zugänglich war, nach den anderen aber, wo die erste Mauer stand, die Belagerungsmaschinen einen allzugroßen Widerstand zu erwarten hatten, entschloss er sich endlich, beim Grabmal des Hohenpriesters Johannes eine Bresche zu legen.

An dieser Stelle war nämlich die erste Festungsmauer etwas niedriger, während zugleich die zweite Mauer hier keinen Anschluss hatte, da man auf die Werke in der Neustadt in jenen Gegenden, wo sie nicht besonders stark besiedelt war, weniger bedacht gewesen: ja, die Römer konnten dann von da aus selbst gegen die dritte Mauer sofort einen Sturm unternehmen, um auf der einen Seite über sie hinweg in die Oberstadt einzudringen, auf dem Wege aber über die Antonia sich des Tempels zu bemächtigen.

Wie nun Titus so um die Stadt herumritt, wurde einer seiner Freunde, namens Nikanor, als er in Begleitung des Josephus einen Versuch machte, sich der Stadt zu nähern und die auf der Mauer stehenden Juden, welchen er keine unbekannte Persönlichkeit war, zum Frieden zu bewegen, an der linken Schulter von einem Pfeile getroffen.

Dieser Zwischenfall zeigte dem Titus noch greller die Verbissenheit der Juden, die sich, wie er eben gesehen, sogar an solchen zu vergreifen wagten, welche in wohlmeinendster Absicht sich ihnen nähern wollten, und das feuerte ihn noch mehr zu den Belagerungsarbeiten an. Er ließ die ganze Gegend vor der Stadt durch seine Heeresabteilungen verwüsten und gab den Befehl, das Material für die Dämme zu sammeln und die letzteren dann sofort in Angriff zu nehmen.

In drei Abteilungen wurde das Heer zu den Dammarbeiten kommandiert, zwischen den einzelnen Dämmen aber mussten die Wurfspießschleuderer und Bogenschützen, vor ihnen aber noch die Armbrustgeschosse und Katapulten, wie auch die Steinschleudermaschinen Posto fassen, um die Ausfälle der Feinde auf die Werke, wie auch jene Juden zurückzuschlagen, die von der Mauer herab eine Störung der Arbeiten versuchen sollten.

Im Nu waren die Bäume geschlagen, und die Gegenden um die Stadt herum öde Flächen. Doch blieb man auch auf Seite der Juden, während die Römer die Stämme zu den Dämmen zusammenschleppten, und das ganze Heer sich auf die Belagerungsarbeiten warf, durchaus nicht müßig, und so konnte es auch nicht ausbleiben, dass das Volk, welches unter beständigen Plünderungen und Metzeleien gelitten, jetzt endlich wieder Mut bekam. Denn es glaubte doch jetzt, wo sich seine Peiniger mit den äußeren Feinden ernstlich beschäftigen mussten, wieder einmal aufatmen und sogar an den Schuldigen Rache nehmen zu können, wenn die Römer einmal das Übergewicht bekämen.


Johannes machte aus Furcht vor Simon keine Ausfälle auf die Römer, so sehr auch seine Leute vor Begierde brannten, gegen die Feinde vor den Toren zu ziehen.

Desto rühriger aber war Simon, der auch zunächst von der Belagerung berührt war. So pflanzte er die dem Cestius früher abgejagten Geschütze, wie auch jene, die man bei dem Sturme auf die Besatzung der Antonia erobert hatte, auf der Mauer auf.

Allerdings konnten die meisten seiner Streiter aus diesen Beutestücken gar keinen Vorteil ziehen, weil sie damit nicht umzugehen verstanden; die wenigen aber, die sich die Bedienung derselben von den Überläufern hatten zeigen lassen, schossen mit diesen Geschützen herzlich schlecht: dafür aber schossen sie um so besser mit Feldsteinen und Bogen von der Festungsmauer auf die Dammarbeiter und machten in einzelnen Abteilungen Ausfälle, um mit ihnen anzubinden.

Doch waren die arbeitenden Soldaten gegen die Geschosse durch Weidengeflechte geschützt, die auf die Pfahlwerke aufgespannt wurden, gegen die Ausfälle aber durch ihre trefflichen Geschütze, mit welchen alle Legionen ausgerüstet worden waren: namentlich zeichnete sich die zehnte Legion durch ihre besonders weittragenden Katapulten und überaus großen Steinschleudern aus, die sie in den Stand setzten, nicht allein alle herausstürmenden Juden, sondern selbst die Verteidiger von der Mauer zurückzutreiben.

Die damit geschleuderten Felsstücke waren von Centnerschwere und sie gingen zwei Stadien weit, ja, noch darüber. Ihre Wucht schmetterte ganz unwiderstehlich nicht bloß jene nieder, die sie zunächst trafen, sondern auch noch solche, die sich viel weiter rückwärts befanden.

Indes konnten die Juden sich anfänglich besser vor diesen Steingeschossen inacht nehmen, weil sie von weißer Farbe waren und sich so nicht bloß durch ihr Sausen verrieten, sondern auch schon an ihrem Aufleuchten von Ferne kennbar waren.

Nun hatten die Juden auf den Türmen auch Aufpasser sitzen, die sie jedesmal warnten, so oft das Geschütz entladen wurde, und das Felsstück abflog, indem sie in ihrer heimischen Sprache schrieen: „Das Geschoss kommt!“ Sofort sprangen die Juden an dem bedrohten Punkte auseinander und bückten sich noch rechtzeitig. Auf solche Weise geschah es oft, dass der Stein zwischen den Reihen der gewarnten ohne Schaden hindurchfuhr, bis die Römer ihrerseits auf die List verfielen, den Stein schwarz anzustreichen. Da man ihn jetzt nicht mehr so gut von weitem sehen konnte, machten die Römer die besten Schüsse, von denen ein einziger gleich viele auf einmal niederstreckte.

Aber trotz aller Verluste ließen sie die Römer bei ihren Dammarbeiten kaum zu Athem kommen und setzten all' ihre Verschlagenheit und Verwegenheit ein, um sie bei Tag und bei Nacht zu stören.


Als die Werke fertig gestellt waren, maßen die Ingenieure den Abstand bis zur Mauer mit der Bleischnur, die sie zu diesem Zwecke einfach von den Dämmen zur Mauer hinschleudern mussten, da es unter dem Hagel von Geschossen, der von oben niederprasselte, füglich nicht anders tunlich war. Man fand, dass die Widder die Mauer bereits treffen könnten, und so schob man sie denn heran.

Gleichzeitig ließ Titus die Geschütze näher an die Mauer fahren, damit nicht die Arbeit des Widders durch die Feinde von der Mauer aus gestört werden könnte, und gab das Zeichen, mit dem Widder zu beginnen.

Plötzlich dröhnten von drei Punkten zugleich die furchtbarsten Stöße weithin durch die Stadt, gefolgt von dem Angstgeschrei ihrer Bewohner, dass selbst die Rebellen sich eines Grauens nicht erwehren konnten. Jetzt endlich, da die Gefahr für beide Parteien, wie sie sahen, eine gleich drohende geworden, dachten sie erst an eine gemeinsame Abwehr:

Wir tun ja alles für die Feinde“, schrieen die bisherigen Gegner einander zu, „anstatt dass wir zum wenigsten in dieser Stunde unsere gegenseitigen Reibereien aufschieben und gemeinsame Sache gegen die Römer machen, mag uns auch Gott sonst gerade keine ewige Freundschaft schenken“. Simon gab nun die feierliche Erklärung ab, dass die Juden im Tempel ganz unbehelligt sich nach der bedrohten Mauer hinüber begeben dürften, was Johannes dann auch den Seinigen, obwohl nicht ohne jedes Misstrauen, erlaubte.

Nun war man wieder, des gegenseitigen Hasses und der eigenen Zwistigkeiten vergessend, sozusagen, ein Leib und eine Seele. Man eilte von allen Seiten auf die Mauer, warf von da eine Unzahl Feuerbrände auf die Maschinen hinab und schleuderte Geschosse über Geschosse gegen jene, welche die Widder gegen die Mauer schwangen.

Die verwegensten Gesellen sprangen in dichten Banden zu den Toren heraus, zerhieben die Schutzdecken an den Maschinen und stürzten sich auf die darunter befindlichen Römer, deren sie schließlich, weniger infolge ihrer Taktik, als vielmehr dank ihrer Tollkühnheit, Meister wurden.

Doch immer und überall erschien Titus in Person, um den Bedrängten beizuspringen, und warf seine Reiter, wie auch die Scharfschützen auf die Flanken der bedrohten Maschinen, wodurch es ihm endlich gelang, den mit Feuerbränden bewaffneten Gesellen das Handwerk zu legen und die auf den Türmen stehenden Schleuderer zurückzutreiben, worauf die Widder aufs neue ihre Arbeit begannen.

Die Mauer trotzte indes ihren Schlägen, mit Ausnahme des Stückes einer Turmecke, welche der Widder der fünfzehnten Legion erschüttert hatte.

Die eigentliche Mauer blieb auch hier unbeschädigt und konnte auch nicht zunächst mit dem Turme gefährdet werden, weil der letztere weit vorsprang, und aus diesem Grunde selbst eine Bresche an ihm nicht leicht die eigentliche Stadtmauer in Mitleidenschaft ziehen konnte.


Die Juden unterbrachen für eine kurze Zeit ihre Ausfälle und sahen aufmerksam den Römern zu, wie sie sich wieder auf ihre Werke und durch das Lager hin verteilten, in der sicheren Meinung, die Juden hätten sich aus Erschöpfung und Furcht zurückgezogen. Auf einmal fielen sie mit ihrer ganzen Macht bei einer gedeckten Pforte in der Nähe des Hippikusturmes aus, warfen Feuer in die Werke und machten Miene, sogar die Römer hinter ihren eigenen Lagerwällen anzugreifen.

Auf ihr Geschrei formierten sich sofort die nächststehenden Soldaten, während die weiter entfernten sich schnell zu sammeln suchten. Doch ihre militärische Strammheit ward von der Verwegenheit der Juden überflügelt: sie warfen die ersten, auf die sie stießen, über den Haufen und suchten auch jene, die sich schon besser gesammelt hatten, auseinanderzusprengen.

Besonders wogte rings um die Widdermaschinen ein grausiger Kampf: die Juden wollten sie um jeden Preis in Brand stecken, die Römer wehrten sich aufs äußerste. Von beiden Seiten erscholl statt des Kommandos nur wirres Geschrei, und viele der vordersten Kämpfer sanken getroffen zu Boden.

Die Verzweiflung der Juden behielt das Übergewicht. Schon züngelte die Flamme an den Werken empor, und es war bereits die höchste Gefahr da, dass alles mitsammt den Maschinen niederbrennen würde, als noch zum Glück der Kern der alexandrinischen Elitetruppen mit einer Bravour, die sich selbst übertraf – da sie es bei diesem Kampfe den ruhmvollsten Legionen zuvortaten – wenigstens solange sich behaupten konnte, bis der Cäsar mit seinen besten Reitern in die feindlichen Scharen einbrach.

Zwölf Kämpfer streckte er im vordersten Gewühle mit eigener Hand zu Boden, worauf die ganze feindliche Masse, bestürzt über ihren Fall, ins Wanken geriet und floh: Titus war hinter ihnen her und drängte die Menge vollends in die Stadt hinein und konnte noch die Werke den Flammen entreißen.

Bei diesem Kampfe geschah es auch, dass ein Jude lebend in die Hände der Römer fiel. Titus gab nun Befehl diesen Menschen im Angesichte der Stadtmauer ans Kreuz zu schlagen. Vielleicht würde dieser Anblick, meinte er, die übrigen mit Entsetzen erfüllen und sie etwas nachgiebiger stimmen.

Nach dem Rückzug der Juden ereignete sich noch der Zwischenfall, dass Johannes, der Führer der Idumäer, in dem Augenblicke, wo er mit einem vor der Mauer stehenden, ihm bekannten Soldaten einige Worte wechselte, von einem Araber einen Pfeilschuss in die Brust bekam und auf der Stelle sterbend zusammenbrach, zum größten Leidwesen der Juden und zum Bedauern der Rebellen, die in ihm seinen Mann von ebenso hervorragender persönlicher Tapferkeit, als Einsicht verloren.