Belagerung und Erstürmung von Gamala.
Alle Galiläer, die nach der Einnahme Jotapatas noch zu den Aufständischen zählten, traten nach der Niederlage der Tarichääer wieder auf die Seite der Römer, so dass die letzteren alle Festungen und Städte, mit Ausnahme von Gischala und des von den Juden besetzten Berges Itabyrium, in ihre Hand bekamen.
Mit den genannten Plätzen hielt es auch die Stadt Gamala, die Tarichää gegenüber oberhalb des Sees gelegen war. Sie gehörte zum Anteil des Agrippa, sowie Sogane und Seleukia, von denen die beiden ersteren Gebietsteile von Gaulanitis waren, und zwar Sogane vom sogenannten Obergaulanitis, Gamala aber von Untergaulanitis, während Seleukia am See der Semechoniten lag. Dieser See hat 30 Stadien in der Breite und 60 in der Länge, indes sich seine sumpfigen Niederungen noch bis zur zur Gegend von Daphne ausdehnen. Abgesehen von ihrer üppigen Fruchtbarkeit ist diese Gegend auch das Quellgebiet für den sogenannten kleinen Jordan, dessen Gewässer es gerade vom Fuße des Tempels des goldenen Kalbes weg dem großen Jordan zuführt.
Während nun Agrippa beim Beginn des Abfalles die Bevölkerung von Sogane und Seleukia durch friedliche Unterhandlungen für sich hatte gewinnen können, wollte sich dagegen Gamala nicht fügen, weil sich ihre Bewohner noch mehr, als die von Jotapata, auf ihre schwer zugängliche Lage verlassen zu können glaubten.
Von einem hohen Berge aus zieht sich nämlich ein schroffer Kamm hin, der in seiner Mitte einen Wulst emporschiebt und, von diesem Vorsprunge aus nach vorn und nach rückwärts gleichmäßig ausbiegend, wieder gerade verläuft, so dass er eine Ähnlichkeit mit der Gestalt eines Kameeles, von dem die Stadt auch ihre Benennung bekommen hat, erhält, wobei es freilich die einheimischen mit der Genauigkeit des Namens nicht so scrupulös nehmen.
Zu beiden Seiten, wie auch vorne, ist er rings von klaffenden, unwegsamen Schluchten umgeben, und nur der rückwärtige Teil, dort, wo der Kamm vom Hauptberge abzweigt, macht von der Schroffheit der übrigen eine kleine Ausnahme; aber auch dieses Verbindungsstück hatten die Einheimischen mittels eines Quergrabens durchschnitten und so auch hier den Zugang schwierig gestaltet.
An der steilen Berglehne hingebaut, waren natürlich die Häuser ungeheuer dicht aufeinandergepfropft, so dass die Stadt nicht anders, als würde sie eben den Abgrund hinabgeworfen, infolge ihrer Steilheit Haus auf Haus herabzurollen schien.
Die Stadt hatte ihre Lage nach Süden, während die ebenfalls nach Süden schauende Bergfläche ober ihr, die zu einer ungeheuren Höhe emporstrebt, die Acropolis bildete. Der (Nord)rand der letzteren blieb ohne Mauern, da er ohnehin zu einer sehr tiefen Schlucht abstürzte. Innerhalb der Mauern knapp am Fuße der Stadt befand sich eine Quelle.
Diese von Natur aus schon schwer zu bezwingende Lage der Stadt hatte Josephus bei Gelegenheit seiner Festungsbauten daselbst noch durch Anlage von unterirdischen Gängen und Gräben verstärkt, so dass der Besatzung von Gamala die Beschaffenheit des Platzes eine noch größere Zuversicht einflösste, als den Jotapatenern die ihrige. Doch waren der Streiter hier viel weniger, und nahm man auch im Vertrauen auf die starke Stellung keine neuen Kämpfer mehr auf. Zudem war ja die Stadt schon voll von Flüchtlingen, die, von der Festigkeit derselben angezogen, hier schon früher mit ihren Streitkräften den von Agrippa entsendeten Belagerungstruppen durch sieben Monate getrotzt hatten.
Vespasian brach nun von Ammath, woselbst er vor Tiberias gelagert: hatte, und dessen Namen man am besten mit „Warmbad“ wiedergeben dürfte, weil sich dort eine heilkräftige Quelle warmen Wassers, befindet, wieder auf und zog vor Gamala.
Da er wegen der geschilderten eigentümlichen Lage der Stadt nicht imstande war, dieselbe mit einem vollständigen Beobachtungsgürtel zu umgeben, so stellte er wenigstens an den günstig gelegenen Punkten Wachtposten auf und besetzte den der Stadt gegenüberliegenden höheren Berg.
Nachdem die Legionen, wie gewöhnlich, ein festes Lager auf demselben, errichtet hatten, begann Vespasian am rückwärtigen Verbindungsstück die Belagerungsdämme aufzuwerfen und zwar so, dass er selbst die östliche Seite übernahm, wo der höchste Turm der Stadt stand, dem gegenüber die fünfzehnte Legion sich gelagert hatte, während die fünfte Legion mehr gegen die Mitte der Stadt zu ihre Arbeiten ausführte, die zehnte aber die Aufgabe hatte, die Gräben und Schluchten auszufüllen. Da ereignete sich ein Zwischenfall.
König Agrippa hatte sich den Mauern genähert, um mit den oben stehenden Juden wegen der Übergabe Unterhandlungen anzuknüpfen, als ihn ein Schleuderer an dem Ellenbogen der rechten Hand mit einem Steine traf.
Schnellstens wurde zwar der König von seinen eigenen Leuten gedeckt, immerhin aber reizte ebensowohl die Entrüstung über die Behandlung des Königs wie auch die Sorge um sich selbst die Römer zur nachdrücklicheren Belagerung an, da sie als Auswärtige und Feinde alle mögliche Grausamkeit von Seite solcher Leute gewärtigen mussten, welche schon gegen einen Landsmann und wohlwollenden Ratgeber einen so wilden Zorn bekundeten.
Schneller, als man denken sollte, waren alle Dämme unter den vielen, an solche Bauten gewohnten, Händen ihrer Vollendung entgegengeführt, worauf man die Widdermaschinen an die Mauern heranrückte.
Unterdessen stellten die Unteranführer des Chares und des Josephus, zweier der mächtigsten Persönlichkeiten der Stadt, ihre Bewaffneten zum Kampfe auf, obschon letztere sich sehr niedergeschlagen zeigten, da sie aus Mangel an Wasser und anderen Lebensmitteln die Belagerung nicht mehr lange aushalten zu können glaubten.
Doch ließ sich die Mannschaft, von den Offizieren aufgemuntert, auf die Mauer hinausführen. Von dort aus wehrten sie auch einige Zeit den Versuchen, die Maschinen an die Mauern zu setzen, bis sie vor den Geschossen der Katapulten und Ballisten in die Stadt zurückweichen mussten.
Jetzt setzten die Römer an drei Punkten zugleich ihre Widder an und machten eine Bresche in die Mauer, über deren Trümmer sie sich sodann unter dem Schmettern der Kriegsfanfaren und Waffengeklirre und unter einem brausenden Schlachtgeschrei in die Stadt ergossen, wo es nun zum Zusammenstoß mit der Besatzung kam.
Eine ganze Weile gelang es derselben, durch ihre Gegenwehr an den untersten Zugängen die Römer am weiteren Vordringen zu hindern und sogar kräftig zurückzuweisen.
Endlich werden die Juden, von der Übermacht erdrückt und auf allen Seiten gefasst, gegen die oberen Stadtteile hinaufgetrieben. Hier aber machten sie Kehrt, warfen sich wieder auf die nachrückenden Feinde, stießen sie in Massen den steilen Abhang hinunter und richteten unter den Römern, die sich auf dem engen und abschüssigen Raume nicht zu helfen wussten, ein förmliches Blutbad an.
Da sich die Soldaten weder gegen die Feinde ober ihren Köpfen verteidigen noch auch sich aus dem Kampffeld schlagen konnten, indem die Ihrigen mit aller Gewalt vorwärts drängten, flohen sie schließlich auf die dort zufällig sehr niedrigen Häuser der Feinde.
Schnell waren indes dieselben überfüllt und wurden, da sie der Last nicht gewachsen waren, dadurch zum Einsturz gebracht, wobei aber ein einziges in seinem Sturze viele andere, die unter ihm waren, und diese hinwiederum andere unter ihnen stehende mit sich hinabrissen.
Das brachte sehr vielen Römern den Untergang. Denn in ihrer Ratlosigkeit sprangen sie immer wieder auf die Dächer, selbst wenn sie dieselben vor ihren eigenen Augen zusammenbrechen sahen. So wurden viele unter den Trümmern verschüttet, vielen anderen, die eben noch abspringen konnten, einzelne Gliedmaßen zerschmettert, die meisten aber vom Staube erstickt.
Das war für die Gamalenser ein Zeichen der göttlichen Hilfe, und darum stürmten sie unbekümmert um den eigenen Schaden, den sie sich dadurch bereiteten, desto hitziger auf die Römer los, um sie auf die Dächer hinaufzudrängen, während sie die in den jähen Gassen abgleitenden und niederfallenden Feinde mit einem ununterbrochenen Hagel von Geschossen aus der Höhe bewarfen und tödteten.
Der Häuserschutt bot ihnen dabei Steine in Hülle und Fülle, die Leichen der Feinde aber lieferten die Klingen, indem man den gefallenen Römern ihre Schwerter entriss und damit den Schwerverwundeten den Rest gab.
Viele stürzten sich in dem Augenblicke, da schon die Dächer einbrechen mussten, freiwillig hinunter und blieben todt.
Ja selbst jenen, die sich zurückzogen, wurde die Flucht nicht leicht, da sie, der Wege unkundig und in dichten Staub gehüllt, nicht einmal wussten, wo die eigenen Leute wären, infolgedessen sie ineinander gerieten und einer über den anderen fielen.
Mit knapper Not fanden so die letzteren den Ausgang und zogen sich aus der Stadt zurück.
Was aber Vespasian anbelangt, so hatte derselbe ununterbrochen bei seinen gefährdeten Soldaten ausgehalten – ging doch ein unsägliches Weh durch seine Seele, als er Zeuge sein musste, wie die Stadt über seinem Heere herunterstürzte! – ja, er war sogar, seiner eigenen Sicherheit ganz vergessend, allmählich, ohne es selbst zu merken, bis gegen den obersten Stadtteil hinaufgedrungen, wo er nun mit einer kleinen Schar ganz verlassen in der höchsten Gefahr schwebte – denn nicht einmal sein Sohn Titus war jetzt an seiner Seite, da er gerade damals eine Sendung an Mucianus nach Syrien übernommen hatte.
Den Feinden einfach den Rücken zu kehren, hielt nun Vespasian weder für geheuer, noch seiner würdig: eingedenk vielmehr alles dessen, was er von Jugend auf schon durchgemacht, eingedenk seiner eigenen Kraft, ließ er, wie von einem göttlichen Feuer erfasst, seine Waffengefährten Schulter an Schulter, Rüstung an Rüstung zu einem einzigen Schlachthaufen zusammenschließen
und hielt so dem vom Bergesgipfel sich herabwälzenden feindlichen Kriegerstrom unerschütterlich Stand, ohne sich von deren Übermacht oder ihren zahllosen Geschossen im geringsten einschüchtern zu lassen. Endlich merkten die Feinde selbst, dass sie es mit einem ans Wunderbare grenzenden Heldenmut zu tun hatten, und ließen in ihrem Ansturm nach.
Jetzt erst zog sich Vespasian in dem Grade, als der feindliche Angriff erlahmte, zurück, wobei er immer rücklings ging und nie dem Feinde den Rücken zeigte, bis er außerhalb der Mauer war.
Eine sehr große Zahl von Römern war in diesem Kampfe gefallen, darunter auch der Dekurio Aebutius, ein Mann, der sich nicht bloß in der Schlacht, bei der er ums Leben kam, sondern auch früher schon bei jeder Gelegenheit als der wackersten einer bewiesen und den Juden große Verluste beigebracht hatte.
Dagegen war es einem Centurio, namens Gallus, der mit zehn Soldaten abgeschnitten worden, in dem Durcheinander geglückt, sich im Hause eines Stadtbewohners zu verstecken.
Hier wurde er nun von seinem Verstecke aus Ohrenzeuge, wie die Hausbewohner sich bei der Abendmahlzeit über die vom Volke gegen die Römer geplanten Maßregeln besprachen, die natürlich auch ihn und seine Gefährten angingen, obschon sie zunächst gebürtige Syrer waren. Daraufhin erhob er sich des Nachts, stach alle im Hause nieder und kam mit seinen Soldaten glücklich zu den Römern zurück.
Da das Heer sich durch den Gedanken an die arge Schlappe und insbesondere deshalb entmutigt zeigte, weil es bis zur Stunde noch nirgends ein so schlimmes Missgeschick gehabt hatte, was ihm aber am peinlichsten war, sich auch noch schämen musste, den eigenen Feldherrn in der Gefahr im Stiche gelassen zu haben, so suchte Vespasian dasselbe durch gütigen Zuspruch wieder aufzurichten,
wobei er übrigens, um auch nicht den Schein einer tadelnden Anspielung zu erwecken, seine persönliche Gefahr ganz unberührt ließ. „Wir müssen,“ sprach er, „im Hinblick auf das Wesen des Krieges das gemeinsame Unglück männlich tragen, indem nirgends ein Sieg ohne Blutvergießen erblüht. Das Glück dreht sich ja und rollt um sich herum.
Wir haben übrigens dem Unglücksgott nur eine verhältnismäßig kleine Schlappe gezahlt, in Anbetracht des Umstandes, dass wir schon soviele Tausende von Juden vertilgt haben.
Wie es aber die Art niedrig denkender Menschen ist, sich im Glücke zu erheben, ebenso ist es auch nur unmännlichen Seelen eigen, dass sie bei Unglücksschlägen gleich zusammenschrecken. Tritt ja doch so schnell in beiden Fällen der Umschwung ein, und darum ist jener der wackerste, welcher auch das Glück sich nie zu Kopfe steigen lässt, um sich auf diese Weise auch für sein Unglück soviel unverdrossenen Mut zu sparen, als nötig ist, die Scharten wieder auszuwetzen.
Zudem ist das, was uns jetzt zugestoßen ist, weder die Folge einer größeren Verweichlichung von unserer Seite, noch einer größeren Tapferkeit von Seite der Juden, sondern der einzige Grund, dass sie über uns einen Vorteil errungen und wir den Kürzeren gezogen haben, ist vielmehr die steile Lage der Veste.
In Anbetracht derselben könnte man allerdings gegen die Unüberlegtheit eures Angriffes einen Tadel erheben: denn als die Feinde sich auf die höchsten Punkte der Stadt flüchteten, hättet ihr euch zurückhalten und der auf der Höhe lauernden Gefahr nicht entgegenlaufen sollen. Vielmehr hättet ihr nach der Besetzung der unteren Stadt von da aus die nach oben Geflüchteten nach und nach zu einem sicheren und geordneteren Kampfe herablocken sollen. So aber habt ihr in eurem zügellosen Hasten nach dem Siege eure Sicherheit ganz außer Acht gelassen.
Der Mangel aber an Umsicht im Kampfe und rabiates Dreinschlagen ist keineswegs bei den Römern Brauch, die wir nur auf dem Wege der Erfahrung und der militärischen Ordnung all’ unsere Erfolge erzielen, sondern es ist das eine Barbarensitte, von der sich ganz besonders die Juden beherrschen lassen.
Es heißt also jetzt wieder bei unserer eigenen Kampfmethode bleiben, und der ohne unser Verschulden erlittene Schlag soll, weit entfernt, unseren Mut herabzudrücken, weit eher noch unseren gerechten Grimm entflammen.
Das kräftigste Trostwort soll sich übrigens jeder aus uns von seinem eigenen guten Schwerte sprechen lassen: denn damit könnt ihr zugleich für eure armen Kameraden Rache nehmen und ihre Würger zur Strafe ziehen.
Was endlich meine Person anbelangt, so werde ich, wie eben jetzt, so auch bei jedem Strauß trachten, der vorderste von euch beim Sturme, der letzte aber beim Rückzuge zu sein.“
Mit dieser Ansprache richtete Vespasian sein Heer wieder auf. Was aber die Gamalenser betrifft, so stellte sich freilich bei ihnen für eine kleine Weile kühne Zuversicht wegen des Sieges ein, den sie in einer so überraschenden Weise und so glänzend errungen hatten:
als sich jedoch später die Erwägung geltend machte, wie sie sich damit zugleich jeder Hoffnung auf Gnade selbst beraubt hatten, in einem Augenblicke, wo schon die Lebensmittel auf die Neige gingen – von Flucht sahen sie überhaupt keine Möglichkeit –, da begann ihr Mut gewaltig zu sinken, und die Stimmung wurde eine sehr gedrückte.
Trotzdem wollten sie nichts unversucht lassen, was in ihren Kräften stand, um an ihrer Rettung zu arbeiten. Die besten Streiter bewachten die Breschen in der Mauer, während die übrigen die noch unversehrten Teile der Mauer besetzten und hier Wache hielten.
Als aber die Römer ihre Dämme noch höher aufzuschütten begannen, um einen neuen Angriff zu versuchen, da begann man massenweise, teils über unwegsame Schluchten hinab, wo natürlich keine Posten lagen, teils durch die unterirdischen Gänge aus der Stadt zu entweichen.
Jene aber, die aus Furcht, in Gefangenschaft zu geraten, in der Stadt verblieben, fielen der Not zum Opfer, da man bereits von allen Ecken und Enden die Nahrung nur mehr für die wehrkräftige Mannschaft zusammenraffte.
So hielten sie in dieser traurigen Lage noch längere Zeit aus. Unterdessen beschäftigte sich Vespasian wie zur Abwechslung neben der Belagerung von Gamala auch mit der Besatzung des Berges Itabyrium, der sich zwischen der großen Ebene und Scythopolis befindet und zu einer Höhe von beiläufig dreißig Stadien aufragt. Er ist nur an der Nordseite und auch da nur zur Not zugänglich. Seinen Gipfel bildet eine ganz ummauerte Ebene von 26 Stadien Umfang.
Trotz dieser gewaltigen Ausdehnung hatte Josephus die Ringmauer um dieselbe in nur vierzig Tagen aufgeführt, während welcher Zeit er sich nebst anderem Bedarf auch das Wasser von unten her beistellen lassen musste, da die Bergbewohner bloß Regenwasser hatten.
Auf diesem Berge hatte sich nun eine große Menschenmenge zusammengefunden, weshalb Vespasian den Placidus mit 600 Berittenen dahin abschickte.
Da dem Placidus die Besteigung des Berges zu schwierig vorkam, so suchte er die Hauptmasse dadurch an sich heranzuziehen, dass er bei ihr die Hoffnung erweckte, er wolle sich in einen Vergleich einlassen und nur die Friedensschalmei blasen.
Wirklich stiegen die Juden den Berg herunter, aber nur in der Absicht, um der List mit List zu begegnen. Denn während auf der einen Seite Placidus nur darum so sanfte Saiten aufzog, weil er die Juden in der Ebene fassen wollte, so gaben sich umgekehrt auch die Juden ganz den Anschein, als ob sie nur auf sein Zureden hin zum Abstieg bewogen worden wären, während sie jedoch über den Unvorsichtigen herzufallen gedachten.
Indes zeigte sich Placidus als den größeren Schlaukopf. Denn kaum waren die Juden zum Angriff übergegangen, als er sich auch schon aus Verstellung zur Flucht wandte und die Juden auf ihrer Verfolgung weit in die Ebene hinter sich her lockte. Auf einmal lässt er seine Reiterei Kehrt machen, wirft die Feinde unter einem großen Gemetzel, bei dem die meisten von ihnen aufgerieben werden, über den Haufen und schneidet der übrigen Masse wenigstens den Rückzug auf den Berg ab, infolgedessen sie gezwungen waren, dem Itabyrium den Rücken zu wenden und gegen Jerusalem zu fliehen. Die eigentlichen Bergbewohner, denen noch dazu das Wasser ausgegangen war, ergaben sich dann auf Gnade und lieferten die Mannschaft und den Berg an Placidus aus.
Mittlerweile machten sich in Gamala die Verwegneren aus der Bevölkerung, einer nach dem andern, heimlich aus dem Staube, indes die schwächeren Leute dem Hunger erlagen.
Die wehrhafte Mannschaft aber trotzte der Belagerung bis zum 22. des Monates Hyperberetäus. Um die genannte Zeit schlichen sich drei Soldaten der fünfzehnten Legion gegen die Morgenwacht an den auf ihrer Seite vorspringenden Turm heran und begannen in aller Stille denselben zu untergraben.
Die Wachen auf dem Turme merkten, da es Nacht war, weder etwas von ihrem Nahen, noch auch von ihrer Anwesenheit. So konnten die Soldaten, indem sie bei ihrer Arbeit, jedes größere Geräusch vermieden, fünf der gewaltigsten Steine herauswälzen und eben noch davonspringen.
Urplötzlich sank der Turm unter entsetzlichem Dröhnen zusammen und riss in seinem Falle die Wachen mit sich hinab. Voll Schrecken ergriffen die Wachen auf den übrigen Posten die Flucht.
Viele wollten sich durch die Römer durchschlagen, wurden aber niedergemetzelt, worunter auch der genannte Josephus, welcher in dem Augenblicke, wo er über die Trümmer der Mauerbresche ins freie Feld fliehen wollte, von einem Schützen getroffen todt zusammenbrach.
In der Stadt, wo das Dröhnen alles erschüttert hatte, herrschte ein furchtbares Durcheinander und Entsetzen, als ob schon alle Feinde in die Stadt eingebrochen wären.
Bei dieser Gelegenheit verschied auch Chares, der gerade ans Bett gefesselt und ziemlich leidend war, indem der Schreck wesentlich den tödtlichen Ausgang der Krankheit beschleunigte.
Übrigens marschierten die Römer, welche die frühere Schlappe nur zu wohl in Erinnerung hatten, nicht vor dem 23. des vorerwähnten Monates in die Stadt ein.
Titus, welcher unterdessen eingetroffen, war es, der voll Grimm über die von den Römern während seiner Abwesenheit erlittene Niederlage an der Spitze von 200 auserlesenen Reitern nebst einigem Fußvolk in aller Stille in die Stadt eindrang.
Die Wachen merkten seinen Anmarsch, schlugen Lärm und griffen zu den Waffen. Als die Kunde vom Anrücken der Römer sich rasch auch im Innern der Stadt verbreitet hatte, nahmen die einen eilends ihre Kinder und flohen mit ihnen sammt den Frauen, die sie fast hinter sich nachschleppten, unter lautem Schluchzen und Angstgeschrei nach dem Gipfel hinauf; die anderen stürmten Titus entgegen, wurden jedoch reihenweise niedergeschmettert.
Jene aber, denen die Flucht nach dem Gipfel nicht mehr möglich war, liefen in ihrer Ratlosigkeit zur Stadt hinaus – den römischen Wachen entgegen. Schauerlich widerhallte überall das Röcheln der zu Tode Getroffenen, und die ganze Stadt war von Blutbächen überschwemmt, welche die steilen Abhänge hinunterrieselten.
Beim Sturme auf jene, die nach der Höhe geflohen waren, griff nun auch Vespasian ein und ließ zu diesem Zwecke seine ganze Macht in die Stadt einrücken.
Den Gipfel bildete ein massiver, schwer zugänglicher Felsen, der zu einer ungeheuren Höhe emporstarrte. Er war jetzt von der Menschenmenge überall vollgepfropft und zudem ringsum geschützt durch seine steilen Abhänge.
Die ersten, die es wagten, hier heraufzusteigen, wurden von den Juden einfach niedergehauen, den andern brachten sie mit Pfeilschüssen und hinabgewälzten Felsblöcken Verluste bei, während sie selbst infolge der Höhe für die Geschosse der Römer fast unerreichbar blieben.
Auf einmal aber erhebt sich, wie von Gott gesandt, zu ihrem Verderben ein heftiger Gegenwind, welcher die Pfeile der Römer zu ihnen hinauftrug, die eigenen aber von der Richtung ablenkte und seitwärts verwehte.
Die Gewalt des Sturmes war so groß, dass die Juden sich weder über dem jähen Abhange halten konnten, da sie dort keinen festen Stützpunkt hatten, noch auch die Stürmenden zu sehen vermochten.
So kamen die Römer hinauf und hatten in einer Schnelligkeit die Juden, die sich teils noch wehrten, teils die Hände um Erbarmen ausstreckten, von allen Seiten umzingelt. Infolge der Erinnerung an die Opfer, die der erste Sturm gekostet, richtete sich jedoch ihr Grimm mit gleicher Heftigkeit gegen sämmtliche Juden ohne Unterschied.
Nun stürzte die Schar der Männer, weil nirgends mehr ein Ausweg war, an jeder Rettung verzweifelnd, zuerst Weib und Kind und dann sich selbst in die Schlucht hinab, die gerade unter dem Gipfel sich zu einer furchtbaren Tiefe auftut.
So sollte selbst der Zorn der Römer in einem noch milderen Lichte sich zeigen, als das verzweiflungsvolle Wüten der Eingeschlossenen gegen sich selbst: denn 4.000 waren von den Römern hingemetzelt worden, über 5.000 aber war die Zahl derer, die sich selbst in die Tiefe gestürzt hatten und dort gefunden wurden.
Keine Seele blieb übrig, mit Ausnahme zweier Frauen, Töchter von einer Schwester des Philippus, der ein Sohn des Jakimus, eines vornehmen Mannes und ehemaligen Feldhauptmanns des Königs Agrippa, war.
Sie waren dem Tode nur dadurch entgangen, dass sie sich dem ersten Grimm der stürmenden Römer in einem Verstecke entzogen hatten. Schonte man ja nicht einmal unmündige Kinder, sondern packte sie kurzweg und schleuderte sie haufenweise, wo man sie traf, von dem Gipfel in die Tiefe hinunter.
So ward Gamala erstürmt, am 23. des Monates Hyperberetäus. Am 24. des Monates Gorpiäus aber war hier der Aufstand ausgebrochen.