Die Römer werden unter Sabinus zu Jerusalem hart angegriffen und schließlich im Königshof belagert.


Bevor noch der Kaiser eine Entscheidung in der Sache des Archelaus fällte, wurde dessen Mutter Malthace krank und starb. Zu diesem Unglück kamen noch briefliche Nachrichten von Varus aus Syrien, die von einem Abfall der Juden redeten.

Einen solchen hatte übrigens Varus schon vorausgesehen, weshalb er auch nach der Abfahrt des Archelaus alsbald gegen Jerusalem herangezogen war, um die Ruhestörer im Zaume zu halten, da alle Anzeichen dafür sprachen, dass die jüdische Nation sich nicht fügen würde. Nachdem er eine der drei syrischen Legionen, mit der er eben einmarschiert war, in der Stadt zurückgelassen hatte, hatte er sich wieder nach Antiochien zurückbegeben. Bald nach ihm kam auch Sabinus in die Hauptstadt und bot den Juden den erwünschten Anlass zu einer Umwälzung. Er ertrotzte nämlich, gestützt sowohl auf die von Varus zurückgelassenen Truppen, wie auch auf seine eigenen zahlreichen Sklaven, die er insgesammt mit Waffen versehen hatte, um sie als Handlanger seiner Habgier zu verwenden, die Übergabe der königlichen Schlösser von ihren Besatzungen und durchwühlte jetzt in der rohesten Weise die Schätze des Königs.

Als nun Pfingsten herannahte, ein bei den Juden unter diesem Namen bekanntes Fest, welches den Abschluss von sieben Wochen bildet und von der Zahl dieser Tage seine Bezeichnung erhalten hat, da führte diesmal nicht die gewohnte Andacht, sondern der allgemeine Unwille das Volk nach der Hauptstadt.

Eine unzählbare Menschenmasse aus Galiläa und Idumäa, aus dem Gebiete von Jericho und dem östlich vom Jordan gelegenen Peräa sammelte sich in Jerusalem, wozu noch der Kern der Nation aus dem eigentlichen Judäa kam, hervorragend durch die Zahl und den Kampfesmut seiner Männer.

Man bildete drei getrennte Heerhaufen, von denen jeder ein eigenes Lager bezog, der eine auf der Nordseite des Tempels, der zweite auf der Südseite beim Hippodrom, während die dritte Abteilung beim Königspalaste gegen Westen hin Stellung nahm. So hatten sie die Römer auf allen Punkten eingeschlossen und machten sich nun an die Belagerung.


Beim Anblick ihrer Menge und ihres wilden Mutes überkam den Sabinus doch ein gelinder Schrecken, und er schickte Boten um Boten an Varus mit der Bitte um eiligen Entsatz, da im Falle eines Verzuges die ganze Legion niedergehauen werden könnte.

Er selbst stieg unterdessen auf den höchsten Turm der Veste, welcher von dem durch die Parther gemordeten Bruder des Herodes seinen Namen herleitete und Phasaël hieß, und ermunterte von da herab durch Winke die Legionssoldaten zum Sturme auf die Feinde, weil er vor lauter Entsetzen sich nicht einmal zu den Seinigen herunterzugehen getraute.

Trotzdem fügten sich die Legionäre dem furchtsamen Kommando, machten einen Ausfall aus der Burg und drangen unter einem harten Kampfe mit den Juden gegen den Tempel vor, wo sie Dank ihrer militärischen Schulung gegenüber der ungeübten Menge so lange im Vorteile blieben, als es bei den Feinden niemandem einfiel, von oben herab Widerstand zu leisten.

Sobald aber einmal eine größere Zahl von Juden die Säulenhallen von oben besetzt hatten, und sie nun ihre Geschosse den Römern gerade auf die Köpfe schleuderten, da wurden viele von den letzteren zerschmettert, und es wurde ebenso schwierig, sich der Schützen von oben zu erwehren, als dem Andrang im Nahkampf Stand zu halten.


Dergestalt von beiden Seiten hart mitgenommen, legten die Soldaten von unten Feuer an die Säulenhallen, die wegen ihrer Größe und Pracht wahre Wunderwerke waren. Im Nu waren die obenstehenden von den Flammen eingeschlossen, von denen viele im Feuer, viele andere aber unter den Händen der Feinde, unter die sie herabsprangen, ihr Leben verloren. Manche stürzten sich selbst auf der rückwärtigen Seite über die Mauer in die Tiefe, einige fielen in ihrer Verzweiflung in das eigene Schwert, um dem Feuer zuvorzukommen.

Alle anderen aber, denen es geglückt war, heil von der Mauer herunterzugleiten, um sich auf die Römer zu werfen, konnten wegen des ausgestandenen Schreckens leicht bewältigt werden. Nachdem auf solche Art die Juden zum Teil gefallen, zum Teil in heillose Flucht zerstoben waren, stürzten sich die Soldaten auf den von allen Verteidigern entblößten Gottesschatz und schleppten davon bei 400 Talente weg. Was von diesem Gelde nicht in den Händen der Soldaten hängen blieb, das heimste Sabinus ein!


Der Schmerz über den Verlust so schöner Werke und so vieler Männer brachte aber jetzt noch weit mehr und noch furchtbarere Kämpfer gegen die Römer auf die Beine. Die Juden umzingelten neuerdings die Königsburg und drohten, alle Römer ohne Ausnahme über die Klinge springen zu lassen, wenn sie nicht schnellstens den Platz räumen würden: wäre aber Sabinus bereit, mit seiner Legion abzumarschieren, so wollten sie sich mit ihrem Worte für einen ungestörten Abzug verbürgen.

Die Juden wurden hiebei auch von den königlichen Truppen unterstützt, die zum größten Teile zu ihnen übergegangen waren. Die besten Kerntruppen jedoch, 3.000 Sebastener unter den Befehlen des Rufus und Gratus, von denen der eine das königliche Fußvolk, Rufus aber die Reiterei kommandierte, und die beide, auch abgesehen von der ihnen zur Verfügung stehenden Truppe, schon wegen ihrer Tapferkeit und Einsicht für den Ausgang des Kampfes von ausschlaggebender Bedeutung waren, hatten sich an die Römer angeschlossen.

Die Juden warfen sich nun mit Eifer auf die Belagerung und schrien, während sie sich an die Mauern der Burg machten, zu gleicher Zeit den Leuten des Sabinus in einemfort zu: „Ziehet doch einmal ab und legt unserem jetzigen redlichen Bemüh’n um die langentbehrte väterliche Selbständigkeit nichts mehr in den Weg!

Dem Sabinus wäre es freilich recht lieb gewesen, hätte er in solcher Weise aus der Falle entschlüpfen können, aber er traute den Versprechungen der Juden nicht recht und witterte hinter ihrem gnädigen Angebot nur einen Köder, der ihn in einen Hinterhalt locken sollte. Da er andererseits auch auf einen Entsatz von Varus hoffen konnte, so wollte er doch lieber die Belagerung noch länger aushalten.